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Therapieadhärenz bei unspezifischen Rückenschmerzen

Therapie Adhärenz Patientin

4 evidenzbasierte Kernstrategien für die Praxis

Bei der Behandlung unspezifischer Kreuzschmerzen stellt die mangelnde Therapietreue (Adhärenz) die größte Hürde für den langfristigen Behandlungserfolg dar. Unregelmäßig durchgeführte oder vorzeitig abgebrochene Bewegungstherapien führen im klinischen Alltag häufig zu Chronifizierung, funktioneller Dekonditionierung und scheinbarem Therapieversagen1. Dies birgt das Risiko voreiliger Behandlungsintensivierungen (z. B. erweiterte Bildgebung oder invasive Eingriffe).

Als integrativer Baustein des konservativen Behandlungsspektrums bieten Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) eine effektive Möglichkeit, strukturierte Bewegungstherapie und Edukation kontinuierlich im Alltag der PatientInnen zu verankern2. Doch eine DiGA wirkt nicht allein durch ihre Verordnung, sondern durch ihre regelmäßige Nutzung im Alltag. Die Verknüpfung der allgemeinen Adhärenzforschung mit DiGA-spezifischen Compliance-Faktoren ergibt vier zentrale Handlungsfelder im Sprechzimmer:

1. Relevanz schaffen: Therapeutisches Framing & Edukatives Setting

Die Art und Weise, wie eine DiGA im Sprechzimmer angekündigt wird, entscheidet maßgeblich über die initiale Aktivierungsquote:

  • Framing als digitales Therapeutikum: Eine DiGA sollte nicht als „nebenbei auszuprobierende App“ oder passives Zusatzangebot gerahmt werden, sondern als evidenzbasierter Hauptbaustein der aktiven Therapie.
  • Entkopplung von Schmerz und Gewebeschaden: Im Rahmen der Verordnung hilft die Aufklärung, dass Schmerzen bei den App-Übungen in der Regel ein Signal eines sensiblen Nervensystems darstellen und keine Gewebeschädigung bedeuten. Dies baut Bewegungsangst (Kinesiophobie) gezielt ab3.
  • Erwartungsmanagement: PatientInnen muss vermittelt werden, dass das primäre DiGA-Ziel der schrittweise Alltagsgewinn ist (z. B. Steigerung der Gehstrecke, verbessertes Schlafverhalten) und nicht die sofortige Schmerzfreiheit. Das verhindert frühzeitigen Frust und Abbruch bei ersten Schmerzspitzen.

2. Einstieg erleichtern: Pragmatische Nutzung & Hürdenabbau

Der erste kritische Punkt für die DiGA-Compliance liegt im Prozess zwischen DiGA-Verordnung und regelmäßiger Nutzung:

  • Start-Hürden antizipieren: Viele DiGA-Abbrüche entstehen bereits bei der Einlösung des Freischaltcodes der Krankenkasse oder beim Erst-Setup. Ein kurzes Ansprechen des Prozesses (oder das Bereitstellen von Informationsmaterial durch das Praxisteam) sichert die tatsächliche Aktivierung4.
  • Pacing-Strategien integrieren: Um starres „Ganz-oder-gar-nicht“-Denken zu durchbrechen, sollten Behandelnde die Belastung flexibel steuern lassen. Die explizite Erlaubnis, die App-Nutzung an schmerzintensiven oder stressigen Tagen auf kurze Sequenzen (z. B. 5 Minuten Edukation oder leichte Mobilisation) zu reduzieren, schützt vor Überlastung und hält die therapeutische Routine aufrecht5.

3. Verbindung schaffen: Blended Care & Verbindlichkeit im Follow-up

Die spürbare Verknüpfung zwischen digitaler Anwendung und ärztlicher Begleitung ist der stärkste Adhärenztreiber:

  • Klinisches Follow-up & Selbstwirksamkeit stärken: Gezielte Rückfragen bei Folgekonsultationen („Wie gelingt die Umsetzung mit der DiGA im Alltag?“) und das gemeinsame Auswerten von App-Fortschritten verleihen der digitalen Therapie Verbindlichkeit. Diese aktive Begleitung stärkt die Wahrnehmung der eigenen Handlungskompetenz (Self-Efficacy) – den wissenschaftlich stärksten Prädiktor für langfristige Adhärenz5.
  • Interprofessionelle Konsistenz & Umfeld: Experteneinschätzungen belegen, dass eine einheitliche Botschaft aller Behandelnden (Arzt, Physiotherapeut, DiGA) entscheidend ist, um Orientierung zu geben6. Die zusätzliche Einbindung von Angehörigen senkt die Nutzungshürde im Alltag weiter5,7.

4. Objektiver Adhärenz-Check vor Therapieeskalation

Vor der Ausweitung von Diagnostik oder Invasivität ist eine Überprüfung der tatsächlichen Therapiedosis indiziert:

  • Therapieversagen vs. Dosismangel: Vor einer Therapieeskalation (stärkere Analgetika, erweiterte Bildgebung) anhand von DiGA-Nutzungsprotokollen oder Patiententagebüchern überprüfen, ob eine echte Therapieresistenz oder lediglich eine verdeckte Non-Adhärenz vorliegt.

Fazit für die Praxis

Eine DiGA entfaltet ihr medizinisches Potenzial nicht allein durch die Verordnung, sondern durch ihre kontinuierliche Verankerung im klinischen Behandlungsablauf. Erst die Begleitung im Sprechzimmer transformiert eine digitale Anwendung in eine hochwirksame Therapiemaßnahme: Indem Behandelnde die DiGA als zentrales Therapeutikum etablieren, Schmerzängste aktiv abbauen, flexible „Mini-Dosen“ erlauben und die Nutzung bei Follow-up-Konsultationen kurz aufgreifen, wird die passive Haltung der PatientInnen in nachhaltige Eigenverantwortung überführt. Der systematische Adhärenz-Check vor jeder Therapieeskalation schützt zudem vor unnötiger Überversorgung und macht die digitale Gesundheitsanwendung zum verlässlichen Motor des konservativen Behandlungserfolgs.

 

Quellenverzeichnis:

  1. Foster, N. E., Anema, J. R., Cherkin, D., Chou, R., Cohen, S. P., Gross, D. P., Ferreira, P. H., Fritz, J. M., Koes, B. W., Peul, W., Turner, J. A., Maher, C. G., & Lancet Low Back Pain Series Working Group (2018). Prevention and treatment of low back pain: evidence, challenges, and promising directions. Lancet (London, England), 391(10137), 2368–2383. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)30489-6
  2. Costa, F., Janela, D., Molooco, R., Lains, J., Sebastiao, A., Bento, V., Yanamadala, V., Scheer, J. K., Menta, R., & Ramos, J. (2022). Engagement and Clinical Outcomes of a Digital Care Program for Low Back Pain: Prospective Longitudinal Study. Journal of Medical Internet Research, 24(5), e35371. https://doi.org/10.2196/35371
  3. Moseley, G. L., & Butler, D. S. (2015). Fifteen years of explaining pain: the past, present, and future. The Journal of Pain, 16(9), 807–813. https://doi.org/10.1016/j.jpain.2015.05.005
  4. Liquori, G., Pio Posa, V., De Leo, A., Giannetta, N., Di Simone, E., Di Muzio, M., & Dionisi, S. (2024). The use of mHealth in promoting therapeutic adherence: a scoping review. Computers, Informatics, Nursing: CIN, 42(1), 71–79. https://doi.org/10.1097/CIN.0000000000001062
  5. Gilanyi, Y. L., Shah, B., Cashin, A. G., Gibbs, M. T., Bellamy, J., Day, R., McAuley, J. H., & Jones, M. D. (2024). Barriers and enablers to exercise adherence in people with nonspecific chronic low back pain: a systematic review of qualitative evidence. PAIN, 165(10), 2200–2214. https://doi.org/10.1097/j.pain.0000000000003234
  6. Staub, M., Gursch, A.-M., Puschmann, A.-K., de Witt Huberts, J., Müller, J., & Wippert, P.-M. (2018). Therapie- und Compliance-Faktoren aus Sicht der am Behandlungsprozess beteiligten Experten am Beispiel Rückenschmerz. Bewegungstherapie und Gesundheitssport, 32(01), 16–22. https://doi.org/10.1055/s-0035-1567153
  7. Wood, L., Foster, N. E., Dean, S. G., Booth, V., Hayden, J. A., & Booth, A. (2024). Contexts, behavioural mechanisms and outcomes to optimise therapeutic exercise prescription for persistent low back pain: a realist review. British Journal of Sports Medicine, 58(4), 222–230. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-107598
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